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Bibliografie

Der Situation auf der Spur
autonom - souverän - neutralgrau
Autonomie und Widerspruch
(Interview)

Einer sei des anderen User
Vom Zuschauer zum Akteur
Intervention . Subversion .
Kooperation . Partizipation



Texte

Von der Utopie einer kooperativen Kontextproduktion
Das Zeichen bezeichnen, das
Denken bedenken

KulturGestaltung
Wie Wasser in der hohlen Hand
Interkulturelle Werkstatt
Einige Anmerkungen zur Kunst
in der Kunsttherapie

Welche Kunst meinen wir
eigentlich [...]

Das Andere der Bilder
Autonomie und Widerspruch (Interview)

Interview von Andreas Mayer-Brennenstuhl (AMB) und Susanne Jakob (SJ)

Mitte der 80-er Jahre begann Andreas Mayer-Brennenstuhl kleine, fast beiläufige Eingriffen an öffentlichen Gebäuden und im sogenannten öffentlichen Raum vorzunehmen. Dabei handelte es sich größtenteils um Textarbeiten, die er gezielt vor allem im Umfeld von Kultur-und Kunstinstitutionen applizierte. Ein frühes Statement zum Ausstellungsbetrieb war eine wilde Plakataktion zwischen Kölner Dom und Sammlung Ludwig 1987. Der Text auf den Plakaten „Die Königsreliquien werden von hier aus nach dort verlegt“ spielte auf das von Kasper König kuratierte Großprojekt „Von hier aus“ an. Die künstlerische Arbeit von Andreas Mayer-Brennenstuhl lässt sich an Begriffen und Begriffspaaren wie Intervention und Irritation, Situation und Kooperation, Autonomie und Differenz festmachen.

SJ: Wie sahen deine künstlerischen Anfänge aus und welche Rolle spielen künstlerische Positionen der sechziger Jahre, speziell auch solche, die sich mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen befaßten?

AMB: Ich denke, dass es in meinen Arbeiten viele Bezüge zu diesen Positionen gibt, aber natürlich auf eine Weise, die als Verweissituation funktioniert, als ein Aufgreifen und Weiterbearbeiten. Die kunsthistorische Aufarbeitung der 60er Jahre war zu der Zeit, als ich diese Arbeiten gemacht habe, noch nicht so präsent. Meine künstlerischen Anfänge liegen Mitte der 80er Jahre, zu einer Zeit also, in der Reflexionen über den gesellschaftlichen Kontext von Kunst eher suspekt waren. Meine Bezüge zu den 60er Jahren waren daher zunächst eher biografisch und emotional, weniger reflektiert. Meine allerersten Arbeiten im Alter von siebzehn Jahren waren Undergroundfilme mit Super 8, als ich die vor kurzem gesichtet habe ist mir aufgefallen, dass ich doch sehr viele Wurzeln in dieser Zeit habe. Es war einfach ein Lebensgefühl aus dieser Zeit, das ich als Jugendlicher aufgegriffen habe. Obwohl mich weniger über die Kunst, sondern eher über Medien und natürlich über die Musik ein bestimmtes Lebensgefühl erreicht hat, war es durchaus mein eigenes. Wenn ich heute auf meine Arbeit blicke, stelle ich fest, dass ich aus dieser Zeit Ansätze aufgegriffen habe, die mich doch sehr stark geprägt haben.... Meine heutige Arbeit bezieht sich auf die Reflexion dieser Ansätze.

SJ: Du hast schon Mitte der 80-er Jahre damit begonnen kleine Aktionen und Interventionen in städtische Situationen vorzunehmen. Projekte, die man mit „Schaffung von Situationen“ umschreiben könnte. Die Dante-Lesung in einer Unterführung beispielsweise, die Wittgenstein-Aktion oder ein kioskartiger Souvenirladen oder die "Provisorische Wasserstelle". Mitunter hast du Textarbeiten an öffentlichen Gebäuden angebracht, die erst über den Präsentationsort ihre volle Bedeutung entfalten. Wie kam es dazu? Welche Idee, welches Konzept stand hinter solchen piratenartigen und temporären Projekten?

AMB: Ich war zu dieser Zeit an einen Punkt gekommen, wo ich sehr bewusst die objektbezogene Arbeit und die Atelierarbeit aufgegeben habe. Damals merkte ich auf eine sehr intuitive Art und Weise oder aus einer inneren Notwendigkeit, dass die Atelierarbeit, die ja immer auch einen Bezug zu kunstimmanenten Präsentations-Gelegenheiten hat, für mich so keine Stimmigkeit mehr besitzt. Hinzu kam, dass ich mich in dieser Zeit auch als extrem öffentlichen Menschen erlebte, d.h. ich habe mich bewusst im öffentlichen Raum bewegt und den öffentlichen Raum auch stark als Bedingung meiner Existenz erfahren, die damals sehr fragil war .... Privatheit und Öffentlichkeit sind seither zu einem wichtigen Thema für mich geworden, die Reflexionen beispielsweise von Richard Sennett über den öffentlichen Raum waren später sehr aufschlußreich für mich. Ich habe in den 80er Jahren aber eher intuitiv damit begonnen Dinge im öffentlichen Raum zu machen, um diesen Bezug zu untersuchen. Eine sehr frühe, für mich wichtige Aktion war für mich zum Beispiel die Dante-Lesung in der Unterführung.

SJ: Speziell bei der Dante-Lesung handelt es sich ja um eine besondere Form des Sich-Aussetzens, um eine existenzielle Handlung. Wie war dabei der Ablauf der Aktion? Und wie war die Reaktion der Passanten, die um Mitternacht die Unterführung durchquerten?

AMB: Der Ablauf war der, dass ich jede Nacht um elf in die Unterführung gegangen bin und zunächst die Lichtleiste abgeklebt habe, so dass es total dunkel wurde. Ich habe mich gegen die Wand gerichtet aufgestellt und jeweils zwei bis drei Kapitel aus Dantes „Göttlicher Kommödie“ gelesen. Meine Haltung drückte aus, dass ich das nicht für das Publikum tue. Gleichzeitig war mir natürlich klar, dass das Publikum exisitieren wird, nur habe ich von meiner Seite keinen Kontakt zum Publikum aufgenommen. Auch wenn das Publikum versucht hat Kontakt mit mir aufzunehmen, habe ich nicht darauf reagiert. Insofern war das natürlich eine sehr hermetische Situation, die jedoch nie Schauspiel-Charakter hatte.

SJ:Was mir bei diesem Projekt auffällt, sind zwei ganz unterschiedliche Aspekte. Hat diese Haltung, die du bei der Lesung in der Unterführung eingenommen hast nicht auch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem einsamen künstlerischen „Monologisieren“ des „klassischen Atelierkünstlers“? Gleichzeitig beinhaltet die Arbeit auch einen eigentümlichen sozialen Aspekt. Zum einen belebst du durch die Lesung diesen nächtlichen Un-Ort, zum anderen löst du sogar Irritation und leises Unbehagen damit aus.

AMB: Es gibt dabei beide Ebenen. Zum einen wird die Künstlerexistenz damit thematisiert, zugleich auch konterkariert, weil dies in der Öffentlichkeit stattfindet und nicht in einer vorgegebenen (Kunst)Situation. Was für mich immer wichtig war, ist die Doppeldeutigkeit darin, natürlich schon etwas Inszeniertes zu machen, aber so zu machen, dass die Inszenierung unvermittelt (spontan) erscheint und daher als solche auch nicht qualifiziert werden kann. Denn sobald sie als Kunstsituation eingeordnet werden kann, wird ihr die Energie auch genommen. Ich habe in dieser Zeit oft Arbeiten gemacht, die den Betrachter einbezogen, aber auch überrumpelt haben.

SJ: Das heisst, die nächtliche Aktion war auch nicht angekündigt, sondern es war eine Art Undercover-Aktion ... ?

AMB: Ja, die ganzen Aktionen in dieser Zeit sind nach diesem Muster abgelaufen ...
SJ: Der Materialaufwand war ja auch gering und du konntest alles was du zu diesen Aktionen brauchtest bei dir tragen, daher haben sie auch den Charme des Provisorischen und Spontanen.AMB: Ja, es gab eine ganze Reihe von spontanen Aktionen, die schnell gemacht wurden, oft auch mit mehreren Leuten zusammen. Bei späteren Aktionen (in den 90-er Jahren) war es hingegen wichtig, auch Vorankündigungen zu machen, um bestimmte Erwartungshaltungen hervorzurufen. Zum Beispiel die „Potemkinsche Versenkung des NC Nürtingen“ war ein externer Beitrag zur Ausstellung „Kunst Regional“, der aber im Rahmen dieser Ausstellung angekündigt wurde und für große Irritation und Ängste (bei den Veranstaltern) gesorgt hat.

SJ: Ein anderer Bereich deiner künstlerischen Arbeit sind Kooperationsprojekte. Da gibt es ja ganz unterschiedliche Ansätze - unter anderem auch solche, die sehr langfristig angelegt sind?

AMB: Kooperation ist für mich ein sehr wichtiges Element, natürlich auch von meiner Selbstdefinition als Künstler her. Es ist eine Fragestellung, die bisher sehr schlecht bearbeitet wurde. Daran wird deutlich, dass damit immer noch eine bestimmte gesellschaftliche Funktion des Künstlers, mit der Vorstellung vom kreativen Individuum das geistige Fortschritte bringt, verbunden ist. Das sind Künstlerbilder, die für mich sehr kritisch sind ... und da versuche ich immer wieder, in mehr oder weniger experimentellen Situationen Dinge zu inszenieren und in Bewegung zu setzen. Im Unterschied zur Klassischen Moderne können wir heute wesentlich souveräner mit Themen wie Kooperation umgehen, indem sich Künstler als Produzenten von Kultur verstehen, die eben in der Kooperation wesentlich mehr zustande bringen als durch individualistische Produktion. Daher versuche ich Kontakte und Kooperationen mit Künstlern durchzuführen, die ich schätze und bei denen es nicht darum geht, dass man in einem Kollektiv aufgeht, sondern mit denen gemeinsam eine Problematik durchgesprochen und durchgearbeitet wird - und mit denen eine konsistente Arbeit entsteht.

SJ: So wie bei dem Projekt „Kritik des reinen Bestandes“, das du zusammen mit Kurt Grunow und Peter Haury für die Galerie im Kornhaus der Stadt Kirchheim unter Teck vorgeschlagen hast? Ihr habt Euch für dieses Projekt auch einen eigenen Gruppennamen „Die Bekannten“ gegeben...

AMB: Ja, uns gefiel die Doppelbedeutung des Wortes: einmal waren wir natürlich miteinander bekannt ; zum anderen spielten wir darauf an, dass Künstler gerne auch "bekannt" im Sinne von „berühmt“ sind. Das war eine Art Sprachspiel, eine ironische Brechung,...

SJ: Ist es nicht auch so, dass du für manche Projekte ganz bestimmte Künstlerkollegen aussuchst, die sich durch ihre Haltung für ein bestimmtes Projekt qualifizieren? So kam es beispielsweise für das Projekt „Kritik des reinen Bestandes“ in der Galerie im Kornhaus zur Kooperation mit den beiden Künstlern Peter Haury und Kurt Grunow, die eher einen systemkritischen Ansatz vertreten.

AMB: Ja, der Inhalt dieser Kooperation bestand darin, die Bedingungen und Strukturen des Kunstbetriebs an einem bestimmten Ort mit seiner spezifischen Ausprägung zu untersuchen und zu reflektieren. Da fand ich es auch sehr stimmig, dass wir dieses Projekt gemeinsam gemacht haben, deshalb habe ich die Beiden eingeladen mitzumachen. In dieser Arbeit wollten wir zeigen, welche individualistischen Positionen in solchen Kunsträumen gespiegelt und abgefeiert werden. Uns ging es unter anderem darum aufzuzeigen, was nach zwanzig Jahren Ausstellungs- und Sammlungstätigkeit übrig bleibt. Was passiert anschließend mit der Kunst, wo bleiben die angekauften Werke, was ist heute überhaupt noch davon vorhanden und wo tauchen sie innerhalb der Stadt (verwaltung ) wieder auf. Wir haben daher die Einladungskarten als Projektion im Ausstellungsraum gezeigt, und dadurch wurde auch deutlich wie schnell solche individualistischen Positionen auftauchen und wieder verschwinden und dass nach zehn Jahren manche Künstler wieder völlig unbekannt sind.

SJ: Aus meiner Sicht hat dieses Projekt aufgezeigt, inwiefern auch die kuratorische Kunstrezeption nicht nur abhängig ist von aktuellen Kunstdiskursen, sondern auch geprägt ist vom sozialen Umfeld, der jeweiligen Region(Geografie) und von politischer Einflussnahme. Die „Kritik des reinen Bestandes“ hat darüber hinaus auch mit der herkömmlichen Ausstellungspraxis und der Erfüllung von Erwartungshaltungen wie eine Ausstellung auszusehen hat deutlich gebrochen. Ihr hattet den Eingang verlegt, ihr hattet versucht die frühere, historische Raumsituation zu rekonstruieren, dabei wurden die Arkaden, durch die normalweise Tageslicht in die Ausstellung dringt, verbarrikadiert. Kurzum: die Galerie sah von außen eher nach einer Baustelle als nach einem Ausstellungsort aus. Welche Ziele verfolgst du mit dieser eher decouvrierenden, subversiven Vorgehensweise?

AMB: Ich denke, dieses Kirchheimer Projekt ist sehr exemplarisch für meine Arbeitsweise. Es ist ja auch sehr interessant, dass das Konzept zunächst auf großen Widerstand gestoßen ist und erst zwei Jahre später realisiert werden konnte. Schon im Vorfeld zu unseren Recherchen wurde den Beteiligten und Betroffenen sehr schnell klar, dass diese Recherchen auch Konsequenzen besitzen und etwas in Bewegung gerät. Da hat es dann zunächst ganz schön Widerstand gegeben...

SJ: Gibt es noch weitere Projekte, in denen dieser (betriebs-)systemkritische Ansatz zur Geltung kommt?

AMB: Zum Beispiel gab es die „1. Mai Aktion“ , die ich zusammen mit der Künstlerinitiative „Oberwelt“ durchgeführt habe. Dabei ging es uns vor allem um den Kunstdiskurs und darum, die Kunstgeschichte als Inszenierungselement zu zeigen. Die Aktion war auch wieder eine Kooperation, aber eher im Sinne einer Jazz-Improvisation, d.h. ein Motiv wurde vorgegeben und mit der Aufforderung an die Kollegen verbunden, sich improvisierend daran zu beteiligen. Was auf den Texttafeln der Kollegen dann aufgetaucht ist, beispielsweise Statements zum Konstruktivismus , ist spontan entstanden und war äußerst überraschend.

SJ: Gerade die „1. Mai Aktion“ trägt deutliche Merkmale der revolutionären Agitpropkultur: einige Schilder und Plakate, die Texte und der Lastwagen erinnern sehr an historische Demonstrationsformen wie sie u.a. auch im Rahmen der Oktoberrevolution verwendet wurden. Hinzu kommt, dass ihr euch auch dementsprechend kostümiert hattet wie für ein Agitprop-Theaterstück gerüstet. Wieso rückst du deine Aktionen in einen vergangenen politischen Kontext? Glaubst du, dass Formen einer historischen, kulturrevolutionären Praxis im neuen Jahrtausend überhaupt noch einen aktuellen systemkritischen Diskurs entfachen - oder überhaupt von kulturpolitischer Relevanz sein kann?

AMB: Es ist natürlich klar, die Sache findet in den 90-er Jahren statt. Seit 1989 haben wir eine politisch und kulturell stark veränderte Situation, die auch einen anderen Blick auf das vergangenen Jahrhundert und damit auf die Moderne ermöglicht. Gleichzeitig sind die 90-er auch geprägt von einem „Zurückblickenwollen“ auf das Jahrhundert mit einer gewissen Skepsis. Es ist auch ein Zurückblicken auf die sozialen Energien und auf die gesellschaftlichen Aufbruchstimmungen und Utopien, aber auch auf die Katastrophen des letzten Jahrhunderts. Mich interessiert vor allem, was davon noch weiterwirkt. Die Aktion "Der Jahrtausendwechsel findet nicht statt. Wegen des durchschlagenden Erfolges wird das 20 Jahrhundert wiederholt" hat dieses Thema nochmal mit einer ironischen Brechung aufgegriffen. Wenn auf dem Lastwagen zum Beispiel die Formulierung von Lyotard "Die Moderne redigieren" auftaucht, dann ist damit schon ein ernsthaftes Anliegen meiner Arbeit angesprochen. Es geht also nicht um Arbeiterklassen-Nostalgie in der 1. Mai -Aktion, sondern um die Frage wie unser heutiges gesellschaftliches und künstlerisches Bewußtsein sich historisch verankert. Damit wir eben nichts wiederholen., weder künstlerisch noch gesellschaftlich. Das hängt m.E. eng miteinander zusammen.

SJ: Du hast ja 1989 eine fiktive Partei gegründet mit der Bezeichnung „Soziale-Antisoziale Vereinigung (SAV) Was gab den Impuls dazu?

AMB: Das war auch das historische Datum 1989, bei dem, wie es hieß, „zusammenkam, was zusammen gehört“. Ich habe das als Bild aufgegriffen. Es ist ja ein eigentümliches Wortspiel mit dem Sozialen und Anti-Sozialen. Jeder will ja gern sozial sein und nicht anti-sozial. Ich habe dazu eine öffentliche Aktion durchgeführt, bei der ich mit diesem Begriff gearbeitet habe. Für mich ist der Begriff des Anti-Sozialen nicht negativ besetzt, sondern er ist eng mit dem Individuum verbunden, er hat etwas mit der Fähigkeit zum individuellen Denken zu tun, aber auch mit der damit verbundenen Problematik..

SJ: ... das klingt sehr nach Künstlerindividuum.

AMB:Es wird in dem Moment spannend, wenn man das Antisoziale des Künstlers in das Soziale hineinwirft, wenn man das Individuum als Keimzelle des gesellschaftlichen Zusammenhangs ernst nimmt, dann kann man mit diesen Begriffen auch anders umgehen. Insofern ist für mich der Künstler ein Prototyp bzw. ein existenzielles Experimentierfeld. Individualismus ist ja eine Sache, an der die Künstler in der bürgerlichen Epoche vor allem im 19/ 20 Jahrhundert herumgebastelt haben, das ist jetzt eher als Massenphänomen von Bedeutung, ein Künstler mit Hut wirkt ja heute nur noch lächerlich, die letzten Nachfahren des romantischen Genie-Begriffes sind langsam im Verschwinden begriffen. Ich denke für Künstler geht es um andere Themen. Interessant wird das Individuum für mich, wenn es sich als ein Element in einem komplexen Zusammenhanges begreifen kann, in dem die sogenannte " Wirklichkeit" von individuellen Standpunkten aus beschrieben und damit verhandelbar wird.

SJ: Wie sah in diesem Zusammenhang das Parteiprogramm von SAV aus?

AMB:Ich habe versucht in diesem fiktiven Parteiprogramm den Begriff der „Differenz“ herauszuarbeiten. Es gibt dazu auch eine künstlerische Arbeit, den Differenztisch, bei dem es sich auch wieder um ein Wortspiel handelt. In dieser Zeit wurde in den Medien immer von runden Tischen gesprochen, von Konsensbildung usw. .., hinter der meiner Meinung nach immer Interessen verborgen werden. Gesellschaftlicher Konsens kann auch falsch sein, daher ist die kritische Funktion der Kunst m.E. ja auch so wichtig. Da kam die Idee zum Spielelement Differenztisch auf.

SJ: Wie funktioniert dieser Differenztisch?

AMB: Im Unterschied zu den Konsensbildungen an den runden Tischen sollten am Differenztisch Widersprüche lebendig gehalten werden. Dies wurde auch in öffentlichen Veranstaltungen und Diskussionsrunden erprobt ....

SJ: Allerletzte Frage, gibt es ein Wunsch-Projekt, das du gerne realisieren würdest und wie sieht dieses aus?

AMB: Wunschprojekte habe ich keine, da ich eher so arbeite, daß ich warte , was als Anfrage kommt. Mir geht es eher darum, möglichst geistesgegenwärtig auf Situationen zu reagieren, die auf mich zukommen. Ich kann aber beschreiben, was mir als Arbeitskriterien aus meiner bisherigen Erfahrung wesentlich ist, daraus ergibt sich zumindest ein Bild wie kommende Projekte idealerweise aussehen könnten. Wenn ich zurückschaue, welche Projekte mir am wichtigsten sind, dann sind es jedenfalls Kooperationsprojekte, Projekte, bei denen die Fähigkeiten von mehreren Leuten zusammengekommen sind. Das kommunikative Element spielt für mich dabei eine wichtige Rolle. Ganz wesentlich ist mir bei meinen Projekten auch der Situations-Bezug. Ich denke, um mit künstlerischen Arbeiten in Zukunft in irgendeiner Weise überhaupt noch gesellschaftlich relevant zu sein, gibt es nur die Möglichkeit sich in komplexe soziale Situationen einzuklinken. Vieles von dem, was ich in letzter Zeit gemacht habe, hat mit dem Schaffen von Räumen zu tun - Räume im architektonischen aber auch im sozialen Bedeutungszusammenhang- Räume, die immer mehr zu einer Art Plattform werden auch für andere Menschen. Vielleicht ist das mein Ideal-Projekt: Immer mehr als Person zu verschwinden in diesen Räumen.


Susanne Jakob

Studium der Kunstgeschichte und Philosophie an den Universitäten Stuttgart und Hamburg
seit 1992 Kunstbeauftragte der Kommune Neuhausen/Fildern
seit 1995 Leitung des Kunstvereins Neuhausen e.V.
Kuratorin der Malerwerkstätten Heinrich Schmid GmbH & Co.KG Ludwigsburg, Frankfurt, Berlin