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nochnichtmehr. Handeln im unmarkierten Raum

2007- 2009: Konzeption in Kooperation mit dem Kurator Kai Bauer (Stuttgart)
Realisation in Kooperation mit Jan Engelmann (Heinrich-Böll-Stiftung (Berlin) Sept.2009 Praktikant: Johannes Leidenberger
 
Vernissage 9.9.2009, 19 Uhr
Ausstellung 10.9.–10.10.2009, 9–20 Uhr
Symposium 10.10.2009, 15–19 Uhr

     
Konzeption „Handeln im unmarkierten Raum“ Berlin, 2009
(Autoren: Kai Bauer, Prof. Andreas Mayer-Brennenstuhl)

KURZFASSUNG:
Lange Zeit war nicht nur die weltpolitische L age von einer bipolaren System-Differenz geprägt, vielmehr war diese Polarität ein grundlegendes Phänomen philosophischen Denkens mit Auswirkungen in allen Lebensbereichen. Im Gegensatz dazu ist seit Ende der 80er Jahre nicht nur das weltpolitische Geschehen von einem Unilateralismus geprägt, auch jegliches Denken in und an Alternativen zum Bestehenden scheint zunehmend schwer zu fallen. Dieses begrenzte Denken stösst jedoch immer mehr an seine Grenzen, ein anderes Denken, ein Denken das in sich aktiv Differenzen erzeugt und damit kreative Zukunfts-Alternativen aufzeigt, tut not. Nach der Auflösung der „Macht der Binärcodes“ sucht dieses andere Denken nicht Auflösung von Widersprüchen, sondern deren wechselseitige Durchdringungen. Damit können neue Erfahrungen zugelassen werden im Bewusstsein von Differenz, Ambiguität, Vielfalt und Ambivalenz. Der „unmarkierte Raum“ ist daher ein Raum der hybriden Denkstrukturen, der Begriff der „Hybridisierung“ wird zu einem Schlüsselbegriff für ein Denken jenseits überkommener Begrenzungen und Differenzen.Berlin, gezeichnet von seiner Geschichte im 20. Jhd., soll als Referenzort für die Bearbeitung dieses Themas im Jahr 20 nach dem Mauerfall dienen.

Intro:
Der Titel „Handeln im unmarkierten Raum“ nimmt begrifflich Bezug auf eine Grundprämisse der Systemtheorie, dem von G. S. Brown postulierten Kalkül des „unmarked state“ (G.S. Brown, „Laws of form „ 1969). Gemeint ist damit ein System-Zustand vor der Einführung von Differenzen und Grenzziehungen, erst der Umgang mit Grenzziehungen und die Setzung von Differenzen führt zur Struktur und ermöglicht Handlung. Sowohl künstlerische als auch politische Strategien konstruieren Welt durch Unterscheidung.

Die systemtheoretische Betrachtungsweise ist daher sowohl Beschreibungsmöglichkeit künstlerischer Strategien, als auch Modell zum Verständnis gesellschaftspolitischer Phänomene. Im Unterschied zur Verschleierung dieser Praxis durch die Ideologie der „Naturalisierung“ in politischen und ökonomischen Dis- kursen legt die Kunst dies jedoch als eine menschengemachte und veränderbare Praxis offen. Wir wissen heute , wie schnell Systeme jeglicher Art sich auflösen können, „unmarkierte Räume“ jederzeit neu entstehen können. Künstlerische und kritisch-politische Praxis haben eine gemeinsame Schnittmenge in Strategien, die Handlungsfähigkeit in dieser Situation ermöglichen.

Ausgewählte Beispiele sollen daher bei dem Projekt „Handeln im unmarkierten Raum“ dieses verbindende Element einer kritischen künstlerischen und gesellschaftlichen Praxis verdeutlichen. Als ein möglicher Kontextbezug für die Reflektion dieses Themas bietet sich dabei auf besondere Weise die Stadt Berlin an. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall fragt das Projekt nach den Entwicklungen und Potentialen, die durch und in diesem unmarkierten Raum entstanden sind.

Politisch - gesellschaftliche Ausgangssituation, Beispiel Berlin:

Berlin ist von Entwicklung und Ereignissen geprägt, die mit dem Thema sehr eng korrespondieren. Berlin war lange Zeit eingeschlossene Grenzstadt, Stadt der Mauer, Symbol der System-Differenzen im Ost-West- Konflikt, Berlin soll seit der „Wende“ nun ein „Labor“ für die Überwindung von Differenzen sein. (Vgl. A. Göhler „Verflüssigungen 2006) Im Jahr 2009 wird der 20. Jahrestag der Auflösung der innerdeutschen Grenze gefeiert werden. Ein Denkmal wird schon diskutiert. Dies ist für uns ein Anlass zu kritischer Positionierung gerade in und mit dieser Stadt.

Das historische Ereignis der sogenannten „Wende“ist ein Paradebeispiel für die Relativität von Grenzzie- hungen und für die Auflösung von System-Differenzen. Die geopolitische Entwicklung seit 1989 zeigt exemplarisch auch die Bildung von neuen Strukturen und Grenzziehungen auf, vor allem die dahinter stehenden ökonomischen Interessenslagen in der „neuen Weltordnung“ werden hier deutlich sichtbar. Diese neue Struktur der Welt wird von aktuellen Gesellschaftstheorien als „Empire“ (A.Negri/O.Hardt „Empire“ 2001) beschreiben, ein krisenhafter Zustand, der sich auf seine notwendige Transformation zubewegt . Negri/Hardt deuten an, wie diese Krise zur Transformation führen könnte: „ ....der „General Intellect“ bildet ein Widerstandsnest. Krise und Untergang beziehen sich nicht auf etwas außerhalb des Empire Liegendes, sondern auf dessen Innerstes. Sie reichen bis in die Produktion von Subjektivität hinein...(Empire, S.392).

Krise und Umbruch kollektiver Denkstrukturen:

Hinter den äußeren Erscheinungen des Wandels zeigt sich die grundsätzliche Krise eines Denkens, das an bekannten Grenzen und starren Oppositionen festhält und das durch ein bewegliches Denken überwunden werden kann, wie es beispielsweise die Kunst entwickelt hat. Nach der Auflösung der „Macht der Binärcodes“ sucht dieses Denken nicht Auflösung von Widersprüchen, sondern deren wechselseitige Durchdringungen. Damit können neue Erfahrungen zugelassen werden im Bewusstsein von Differenz, Ambiguität, Vielfalt und Ambivalenz. Der „unmarkierte Raum“ ist daher ein Raum der hybriden Denkstrukturen: Der Begriff der „Hybridisierung“ wird zu einem Schlüsselbegriff für ein Denken jenseits überkommener Begren- zungen und Differenzen.

Fatalerweise brechen jedoch gegenwärtig in diesen sich neu eröffnenden Denkraum in globalen Dimensionen längst totgeglaubte Denkstrukturen, Denkverbote fundamentalistischer Prägung mit der ganzen Kraft ihrer Intoleranz gegenüber dem Anderen ein, und behindern die notwendige Transformation und Umsetzung freiheitlicher Denkansätze. Auch der „Terror der Ökonomie“ ist eine Begrenzung des Denkens, der inzwischen alle Bereiche individueller und gesellschaftlicher Lebenswirklichkeit erfasst hat und auf seine Überwindung wartet.

Hier setzt Kunst-Praxis an: Grenzüberschreitendes und Grenzen auflösendes Handeln und Entscheiden ist eine Grundprämisse künstlerischer Praxis bis heute. Leider ist im Betriebssystem eine gegenläufige, reak- tionäre Tendenz feststellbar. Damit meinen wir den Mainstream einer homogenen, am boomenden Kunstmarkt orientierten Kunstproduktion, der andere künstlerische Strategien weitgehend ausgeschlossen hat. Die Errungenschaften, Erkenntnisse und erkämpften Freiräume des zwanzigsten Jahrhunderts sind jedoch weiterhin in temporären Projekten, interventionistischer Kunst, „werkloser Kunst“, Aktionen mit erzähle- rischen Ansätzen und anderen Kunstformen, wirksam.

Diesem ungenutzten Potential künstlerischen Denkens zu einer forcierten öffentlichen Wahrnehmbarkeit zu verhelfen ist daher ein zentrales Anliegen des Projektes „Handeln im unmarkierten Raum“.

Kriterien für die Künstler- und Projektauswahl:

Spezifisch für das Vorgehen unserer Arbeitsgruppe soll sein, sich zuerst mit dem Thema und seinen Dimensionen auseinanderzusetzen und daraus erst eine Künstler- und Projektauswahl zu entwickeln.

1. Ausgehend von Kunst im öffentlichen Raum, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahr- hunderts positioniert hat, sollen aktuelle Praktiken, beispielsweise von Projektformen, die mit öffentlichen Strukturen und an gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Grenzbereichen arbeiten, bis hin zu „werkloser Kunst“, ausgewählt werden. KünstlerInnen und –Gruppen, die sich in ihrer Arbeit mit Prozessen der Veränderung von gesellschaftlichen und kulturellen Strukturen befassen und die sich bereits mit Arbeiten an den Grenzen des „Betriebssystems Kunst“, und mit Arbeiten mit öffentlichen Strukturen profiliert haben, sollen im Fokus des Projekts stehen.

2. Die zeitgenössischen Positionen sollen überwiegend nicht an einem hermetischen Kunst-Ort im Rahmen einer „Expertenkultur“ realisiert worden sein, sondern im öffentlichen Raum, in Bevölkerung, Stadt und Medienlandschaft vernetzt. Bei den Arbeiten, die speziell für unser Projekt entwickelt werden, ist die NGBK dabei nicht nur als späterer Ausstellungsraum, sondern auch während der Projekte als „Basislager“ vorgesehen.

3. Auch von Mitgliedern der Arbeitsgruppe können Projektbeiträge entwickelt und realisiert werden. Beispiele: Ralf Hohmann: „Imaginary Border Academy“, und Andreas Mayer-Brennenstuhl: „Permanente Neu- konstruktion des Horizontes“.(Raumarchitektur)

4. In der weiteren Ausarbeitung werden von der Arbeitsgruppe KünstlerInnen und –Gruppen um neue Projekte angefragt, die mit zusätzlichen Fördermitteln finanziert werden sollen. Anzahl und Ausmaß der Projekte werden naturgemäß von der Höhe weiterer Mittel abhängig sein. Passend zu den oben beschriebenen Referenzarbeiten sollen diese Projekte sowohl durch visuell rezipierbare künstlerische Formen, das heißt abgeschlossene Werke, aber vor allem auch durch ein künstlerisches Arbeiten mit Beziehungen, Kommunikation und sozialen Strategien auszeichnen.

5. Letztlich muss in der Präsentation eine gute Balance von älteren und neueren Arbeiten gefunden werden.

6. Zur Ausstellung soll eine Publikation in Buchform erscheinen, in dem die gezeigten Projekte beschrieben werden, jedoch auch unterschiedliche Autoren erweiternde Beiträge zu den Themen liefern.

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